08

Mar

Marni, H&M und das Böse im Menschen

Horrorszenarien. 729 Meter lange Schlangen und keifende Frauen mit roten Stressflecken im Gesicht. Prügeleien, leergefegte, verwüstete Regale und Ellenbogengeschubse. Das alles hat so stattgefunden in meinem Kopf, um halb 10 Uhr morgens auf dem Weg in die H&M Filiale auf der Mariahilfer Straße, wo ab heute endlich die Marni für H&M Kollektion erhältlich ist. 

Tatsächlich vor der Filiale angekommen, kam mir der Bürgersteig seltsam leergeräumt vor, und beim Näherkommen stellte ich fest, dass die Schiebetüren sich bereits ohne mich geöffnet hatten. Das war natürlich ein Fehler meinerseits, weil ich mich darauf verlassen hatte, dass H&M seine Pforten, zur selben Zeit, wie an jedem anderen Tag auch, öffnen würde und vermutlich auch, weil ich bisher keine H&M-Designerkollaboration-Shopping-Erfahrung habe.  Marni für H&M ist  tatsächlich die erste Kollaboration, für die ich bereit war, in einer Schlange zusammen mit 300 krallenwetzenden Frauen auszuharren. 

Die Kollektion selbst überzeugte mich schon im Vorfeld durch ihre relativ einfachen Schnitte, die allerdings durch raffinierte Details und hochwertige Stoffe aufgewertet werden. Die Objekte meiner Begierde waren vor allem das blau gepunktete Ensemble, bestehend aus Rock und Blazer, die schwarz gepunktete Hose, und das Lackleder-Top, dessen Ärmel in grauem Jersey abgesetzt sind. 

Nach einem kurzen Moment der Verwirrung, in dem ich die Kollektion nicht gleich nach Betreten der Filiale entdecken konnte, habe ich endlich bemerkt, dass die begehrten Teile irgendwo im hinteren Bereich versteckt waren. Relativ beruhigt von dem vermeintlich geringen Ansturm auf Marnis Kreationen schlenderte ich also nach hinten, um schließlich doch, wenn auch in abgeschwächter Form, im Vorhof der Hölle zu landen. Da waren sie also, diese Frauen, die ihre ganze Energie dafür aufwendeten, mit irrsinnig weit von sich gespreizten Ellenbogen andere Kundinnen daran zu hindern, in ihr Revier einzudringen. Nachdem ich weggedrängelt, angerempelt und mit dem Todesblick bedacht worden war, versuchte ich doch noch oben erwähnte Teile zu ergattern und in meinen überdimensionierten Shoppingbag zu bugsieren. Zum Glück war ich dabei erfolgreich. Angesteckt von den völlig aufgeregten Kundinnen, die wie vom Blitz getroffen von einem Regal zum nächsten liefen um kurz darin zu wühlen und wahllos jedes verfügbare Teil abzugreifen, packte auch ich meine Tasche mit allerlei Kram voll, den ich weder brauchte, noch wirklich schön fand. Diverse Halstücher zum Beispiel. Und so ziemlich jedes Teil, das noch in meiner Größe vorhanden war… 

Und als ich so dastand und tatsächlich länger als eine Sekunde vor den Regalen stehen blieb, bemerkte ich wie jemand mein Zögern ausnutze um zwei Halstücher aus meiner Shoppingbag (!) zu stibitzen. 

Ich weiß nicht genau was es ist, das völlig normale Frauen wie dich und mich zu manierenlosen Verrückten macht. Klar ist aber, dass diese Spezies immer wieder gerne bei H&M-Designerkollaboration-Verkäufen anzutreffen ist. Ist es eventuell so, dass die Möglichkeit, eines der Marni-Teile  zu ergattern, das Belohnungszentrum in unseren Hirnen so sehr stimuliert, dass wir plötzlich kognitive Totalausfälle erleiden? 

Sei es wie es sei, nach diesem Vorfall beendete ich meinen Raubzug und flüchtete erstmal in die Umkleidekabinen. Dort angekommen hatte ich nun ausreichend Zeit, die Beute näher zu betrachten. Und bei genauem Hinsehen war mir plötzlich nicht mehr ganz klar, warum ich fünf Minuten zuvor so heiß darauf war, für eine schwarz-grau gepunktete Hose etwa hundert Euro auszugeben. Zugegeben, die Stücke sahen auch in der Umkleidekabine immer noch tausend mal besser aus als jedes einzelne Teil der vorangegangenen Versace für H&M - Kollektion. Allerdings nur, so lange man sie nicht anprobierte. Der Sitz der Teile konnte mich absolut nicht überzeugen und auch die Verarbeitung ist nicht wirklich den Preis wert, den man dafür zahlen soll. Was den Sitz der Klamotten angeht, kann ich nur feststellen, dass man, um die gepunktete Hose tragen zu können, lieber keine Hüften besitzen sollte und dass der Kurzarm-Mantel aus dem dazu passenden Stoff auf bizarre Weise die Schultern verschwinden lässt. Am merkwürdigsten saß das Lackleder/Jersey-Top, aber immerhin löste es einen unterdrückten Lachanfall meinerseits aus, als ich mich im Spiegel betrachtete und dabei aussah, als hätte ich den oberen Teil einer aus Pappkarton gefertigten Ritterrüstung an. 

Die Verarbeitung der Teile ist zwar nicht wirklich schlecht, lässt aber zu wünschen übrig, vor allem in Bezug auf die Preise. Natürlich sind die Stücke für H&M wesentlich billiger als die herkömmliche Marni Kollektion, allerdings würde ich auch sonst keine hundert Euro für einen Blazer locker machen, der Fehler an den Nähten hat. Letztendlich fand nur die wunderbare Blütenkette den Weg in meine Einkaufstüte. Mit Ketten kann man nicht viel verkehrt machen. 

Nach wie vor finde ich die Marni für H&M Kollektion optisch sehr gelungen. Dass die Stücke an mir nicht richtig gesessen haben, muss keineswegs bedeuten, dass das für jeden anderen auch gilt und auch die Qualität und die Preise der Stücke mögen für andere angemessen sein. Mich haben die oben genannten Gründe dennoch davon abgehalten, mein Konto leer zu räumen. 

// Julia


Fotos: www.hm.com